Inbetriebnahmemanagement in komplexen Bauprojekten

Inbetriebnahmemanagement in komplexen Bauprojekten:
Theorie und Praxis bei der Inbetriebnahme hochtechnisierter Gebäude.

Arti­kel ver­fasst von Tom Dett­mann M.Sc. (Lei­tung Inbe­trieb­nah­me­ma­nage­ment bei der con­vis GmbH)

Ausgangslage

Im Bau­we­sen ist mitt­ler­wei­le weit­be­kannt, dass der Umfang der tech­ni­schen Aus­rüs­tung in den Gebäu­den immer mehr zunimmt, immer ver­netz­ter wird und die Kom­ple­xi­tät in der Inbe­trieb­nah­me (kurz: IBN) der Anla­gen­sys­te­me gestie­gen ist. Das Fun­da­ment ist schnell gegos­sen, der Roh­bau zügig hoch­ge­zo­gen und die Anlagen­tech­nik rasch instal­liert, doch nicht sel­ten wer­den die Pro­jekt­zie­le und die ter­min­treue Pro­jekt­über­ga­be in der Inbe­trieb­nah­me­pha­se geris­sen. Es liegt also nahe, ein Manage­ment zu instal­lie­ren, dass die­ser Kom­ple­xi­tät mit Struk­tur und koor­di­nier­ten Pro­zes­sen ent­ge­gen­tritt, um die Pro­jek­te auf Kurs zu hal­ten. Doch was braucht es für ein Inbe­trieb­nah­me­ma­nage­ment (kurz: IBM), um als Struk­tur­ge­ber zu fun­gie­ren und in der Pra­xis effi­zi­ent zu agie­ren?

Grundsätze und Abläufe – theoretischer Ansatz

Da das IBM häu­fig nach der VDI 6039 oder in Anleh­nung an die­se aus­ge­schrie­ben und beauf­tragt wird, ist es zunächst erfor­der­lich, ein grund­sätz­li­ches Ver­ständ­nis über den Inhalt die­ser Richt­li­nie zu haben.

Als ver­gleichs­wei­se neue Dis­zi­plin im Bau­we­sen ist das IBM in Deutsch­land erst­ma­lig im Juni 2011 mit der VDI 6039 stan­dar­di­siert wor­den. Das IBM nach der VDI 6039 soll dem Auf­trag­ge­ber einen mess­ba­ren wirt­schaft­li­chen Nut­zen brin­gen, indem die­se Richt­li­nie Grund­sät­ze und Abläu­fe für das Inbe­trieb­nah­me­ma­nage­ment in den Bau­pro­jek­ten fest­legt. Von der Ent­wick­lungs-/Pla­nungs­pha­se bis hin zur Über­ga­be an den Betrei­ber in der Nut­zungs­pha­se defi­niert die VDI 6039 Rol­len, Ver­ant­wort­lich­kei­ten, not­wen­di­ge Doku­men­te sowie die Auf­ga­ben des Inbe­trieb­nah­me­ma­na­gers und beschreibt Mei­len­stei­ne zur Qua­li­täts- und Ter­min­steue­rung. Ihr erklär­tes Ziel: „Der Nut­zer die­ser Richt­li­nie soll in die Lage ver­setzt wer­den, den Vor­teil und Nut­zen des Inbe­trieb­nah­me­ma­nage­ments zu erken­nen, zu beur­tei­len und umzu­set­zen.“[1] Anhand der Emp­feh­lun­gen zur metho­di­schen Her­an­ge­hens­wei­se kön­nen ins­be­son­de­re die gewer­ke­über­grei­fen­den Funk­tio­nen der Ein­zel­ge­wer­ke dar­ge­stellt wer­den. Die sich hier­aus erge­ben­den Schnitt­stel­len wer­den in der Durch­füh­rungs­pha­se des IBM nach den aner­kann­ten Regeln der Tech­nik geprüft und doku­men­tiert. Nach der erfolg­rei­chen Inbe­trieb­nah­me wird der Betrei­ber in die Anla­gen­sys­te­me ein­ge­wie­sen und anhand der Gewer­ke-Doku­men­ta­tio­nen zum Betrei­ben befä­higt.

[1] VDI 6039: Inbe­trieb­nah­me­ma­nage­ment für Gebäu­de
Metho­den und Vor­ge­hens­wei­sen für gebäu­de­tech­ni­sche Anla­gen, Sei­te 2

Die Abbil­dung zeigt die zeit­li­che Ein­ord­nung des IBM über den Lebens­zy­klus eines Gebäu­des.

Diagramm zum Inbetriebnahmemanagement im Lebenszyklus von Gebäuden, Phasen und Prozesse.

Abbil­dung 1: Gra­fik: con­vis (in Anleh­nung an VDI 6039 06/2011, Sei­te 28 Bild 4)

Die Leitgedanken der VDI 6039:

  • frü­he kon­zep­tio­nel­le Pla­nung der Inbe­trieb­nah­me­pha­se,
  • Defi­ni­ti­on der Rol­len und Ver­ant­wort­lich­kei­ten,
  • Doku­men­ta­ti­on aller Funk­ti­ons-/Leis­tungs-/Schnitt­stel­len­tests und
  • Fest­le­gung von Mei­len­stei­nen zur Qua­li­täts- und Ter­min­steue­rung

sind die basa­len Metho­di­ken zum Auf­bau eines Inbe­trieb­nah­me­ma­nage­ments in einem kom­ple­xen Bau­pro­jekt.

Um bei der Umset­zung die­ser metho­di­schen Vor­ge­hens­wei­sen in den Bau­pro­jek­ten das erklär­te Ziel der VDI 6039 zu errei­chen, ist ein gewis­ser ide­al­ty­pi­scher Pro­jekt­ver­lauf not­wen­dig. Rück­kopp­lun­gen, Sprün­ge und Stö­run­gen inner­halb der abge­bil­de­ten Pha­sen des Gebäu­de­le­bens­zy­klus kön­nen jedoch das Inbe­trieb­nah­me­ma­nage­ment enorm stra­pa­zie­ren. Infol­ge­des­sen füh­ren ter­min­li­che Unsi­cher­heit, Kon­zept­lo­sig­keit und Mehr­auf­wän­de bei allen Betei­lig­ten zu Frus­tra­tio­nen und Mehr­kos­ten. Kaum eine kom­ple­xe Bau­auf­ga­be lässt sich algo­rith­misch lösen und führt trotz glei­cher Anfangs­grö­ßen zum repro­du­zier­ba­ren bestimm­ten Ergeb­nis – dem kos­ten- und ter­min­treu­en Pro­jekt­ab­schluss.

Grundsätze und Abläufe in der Praxis

Trotz aller Stan­dar­di­sie­rung nach DIN, VDI und AHO zeigt die Pra­xis­er­fah­rung, dass der ide­al­ty­pi­sche Ablauf in Bau­pro­jek­ten häu­fig von Abwei­chun­gen geprägt ist. Zu den imma­nen­ten Ein­fluss­fak­to­ren zäh­len ins­be­son­de­re:

  • leis­tungs­pha­sen­ver­scho­be­ne Ände­run­gen durch Nut­zer­an­for­de­run­gen oder Betrei­ber­belan­ge,
  • unzu­rei­chen­de Ver­füg­bar­keit von qua­li­fi­zier­tem Per­so­nal zum rich­ti­gen Zeit­punkt,
  • undo­ku­men­tier­te Abwei­chun­gen zwi­schen der Pla­nung und der tat­säch­li­chen Aus­füh­rung,
  • unvoll­stän­di­ge und ver­spä­te­te Doku­men­ta­tio­nen als Grund­la­ge für Prü­fun­gen und Abnah­men,
  • Über­schnei­dun­gen von Bau‑, Aus­bau- und IBN-Akti­vi­tä­ten inner­halb glei­cher Berei­che,
  • flie­ßen­de Ver­ant­wor­tungs­gren­zen zwi­schen der Objekt­über­wa­chung und dem Inbe­trieb­nah­me­ma­nage­ment,
  • aus­ufern­de Erwar­tungs­hal­tun­gen des Auf­trag­ge­bers an die Koor­di­na­ti­ons­brei­te und ‑tie­fe des IBM; nicht zuletzt auch in Abgren­zung zum Bau­fer­tig­stel­lungs­ma­nage­ment
  • unkla­re oder unter­schied­lich inter­pre­tier­te Begriffs­de­fi­ni­tio­nen (z. B. „bau­lich fer­tig“ als Vor­aus­set­zung für den Start der IBN-Pha­se).

Die­se Ein­fluss­fak­to­ren füh­ren in direk­ter Kon­se­quenz zu enor­men Ver­zö­ge­run­gen der Pro­jekt­lauf­zeit, zu einem erhöh­ten Koor­di­na­ti­ons­auf­wand bei allen Betei­lig­ten und meist auch zu Mehr­kos­ten. Ein struk­tu­rier­tes und erfolg­rei­ches Inbe­trieb­nah­me­ma­nage­ment umzu­set­zen, wird erheb­lich erschwert.

Auf der Grund­la­ge der VDI ent­wi­ckeln wir bei con­vis kon­ti­nu­ier­lich die Leit­ge­dan­ken in ein pra­xis­si­che­res Kon­zept wei­ter, um die Vola­ti­li­tät und Dyna­mik der an uns gestell­ten Pro­jekt­auf­ga­ben erfolg­reich zu lösen.

Lösungsansatz

Die Lösung liegt für uns in einem IBM-Kon­zept, das so sta­bil ist, um jedem Bau­pro­jekt eine ver­läss­li­che Struk­tur zu geben, aber gleich­zei­tig so adap­tiv und ska­lier­bar ist, um in jeder Pha­se Ver­än­de­run­gen frü­hest­mög­lich zu erken­nen und vor Ein­tritt nega­ti­ver Umstän­de hand­lungs­fä­hig im Pro­jekt zu blei­ben.

Leit­bild: Agie­ren statt Reagie­ren!

Das bei con­vis ent­wi­ckel­te IBM-Kon­zept gibt eine bereichs­wei­se und stu­fen­ba­sier­te Struk­tur in allen Pro­jekt­pha­sen vor.

Jedes kom­ple­xe­re Bau­vor­ha­ben wird in fol­gen­de drei pro­jekt­spe­zi­fi­sche Dimen­sio­nen struk­tu­riert:

  • Tech­nisch: Anla­gen, Kom­po­nen­ten, Wirk­be­zie­hun­gen – abge­bil­det in einer Anla­gen­be­zie­hungs-Logik.
  • Räum­lich: nut­zer- und betriebs­ori­en­tier­te IBN-Berei­che, die alle IBN-Tätig­kei­ten loka­li­sier­bar und greif­bar machen.
  • Ter­min­lich: Ver­zah­nung eines 5‑stufigen IBN-Kon­zepts mit dem Bau­ab­lauf in der Rea­li­sie­rungs­pha­se.

Sobald die tech­ni­sche und räum­li­che IBM-Struk­tur für das Pro­jekt erar­bei­tet und mit allen Betei­lig­ten abge­stimmt wur­den, wer­den die­se in das con­vis-5-Stu­fen­mo­dell über­führt, das die Stu­fen 0 bis 4 umfasst.

Stufe 0 – Bauliche Fertigstellung

Zugäng­lich­keit / Medi­en / Sicher­heit je IBN-Bereich veri­fi­ziert
→ Mei­len­stein 1: Rei­fe zur Inbe­trieb­set­zung bestä­tigt

Stufe 1 – Inbetriebsetzung einzelner Anlagen

Anla­gen pro Gewerk para­me­triert & pro­to­kol­liert
→ Mei­len­stein 2: Anlage/Komponente funk­ti­ons­fä­hig

Stufe 2 – Gewerkeinterne Inbetriebnahme

Regel­krei­se / Alar­me / Teil­last geprüft
→ Mei­len­stein 3: Gewerk sta­bil

Stufe 3 – Gewerkeübergreifende Inbetriebnahme

Prü­fung → Jus­tie­rung → Nach­prü­fung; Betriebs­mo­di & Schnitt­stel­len vali­diert
→ Mei­len­stein 3: Abnah­me- und Über­ga­be­rei­fe

Stufe 4 – Übergabe & Betreiberintegration

Dokumentation/Einweisung & Betrei­ber­über­nah­me
→ Mei­len­stein 4: Über­ga­be abge­schlos­sen

Die Abbil­dung zeigt die IBN-Stu­fen 0 bis 4 nach dem con­vis-IBM-Kon­zept

Diagramm zur Projektstufenübersicht: Fertigstellung, Übergabe und Gewerke-IBN-Bereiche.

Abbil­dung 2: Gra­fik: con­vis

Jede Stu­fe endet mit einem Mei­len­stein, der über­prüf­ba­re Ergeb­nis­se bün­delt (Nach­wei­se, Pro­to­kol­le, Frei­ga­ben) und den kon­se­ku­ti­ven Fort­schritt der IBN-Stu­fen qua­li­ta­tiv absi­chert.

Für Bau­her­ren und Betrei­ber, Steue­rer, Pla­ner und Aus­füh­ren­de bedeu­tet das weni­ger Rei­bungs­ver­lus­te an den Schnitt­stel­len, mehr Ent­schei­dungs­si­cher­heit und mess­ba­ren wirt­schaft­li­chen Nut­zen.

Fazit

Das ent­wi­ckel­te 5‑Stufenmodell bie­tet kon­kre­te und steu­er­ba­re Lösungs­an­sät­ze für die in der Pra­xis auf­tre­ten­den Ein­fluss­fak­to­ren:

  • Leis­tungs­pha­sen­ver­scho­be­ne Ände­run­gen durch Nut­zer- oder Betrei­ber­an­for­de­run­gen kön­nen durch die adap­ti­ve Struk­tur des Modells iso­liert auf­ge­nom­men und stu­fen­wei­se wie­der in das Regel­pro­ze­de­re inte­griert wer­den, ohne raum­über­grei­fen­de ter­min­li­che Ver­zö­ge­run­gen zu ver­ur­sa­chen.
  • Der unzu­rei­chen­den Ver­füg­bar­keit von qua­li­fi­zier­tem Per­so­nal wird durch klar defi­nier­te Ein­tritts­kri­te­ri­en je IBN-Stu­fe ent­ge­gen­ge­wirkt, indem Leis­tun­gen und damit ver­bun­de­ne Kapa­zi­tä­ten erst bei tat­säch­li­cher Aus­füh­rungs­rei­fe abge­ru­fen wer­den.
  • Undo­ku­men­tier­te Abwei­chun­gen zwi­schen der Pla­nung und der Aus­füh­rung wer­den durch ver­pflich­ten­de Nach­wei­se und Prü­fun­gen je Mei­len­stein in jedem IBN-Bereich auf­ge­deckt und vor dem Über­gang in die nächs­te IBN-Stu­fe berei­nigt.
  • Unvoll­stän­di­ge und zu spät ein­ge­reich­te Doku­men­ta­tio­nen wer­den durch die bereichs­wei­se und stu­fen­ba­sier­te IBN-Struk­tur sys­te­ma­tisch ver­mie­den.
  • Über­schnei­dun­gen von Bau‑, Aus­bau- und IBN-Akti­vi­tä­ten wer­den durch die räum­li­che Glie­de­rung in IBN-Berei­che ent­kop­pelt und par­al­lel steu­er­bar.
  • Flie­ßen­de Ver­ant­wor­tungs­gren­zen zwi­schen der Objekt­über­wa­chung und dem Inbe­trieb­nah­me­ma­nage­ment wer­den durch klar defi­nier­te Rol­len, Über­ga­be­punk­te und Frei­ga­ben ein­deu­tig.
  • Aus­ufern­de Erwar­tungs­hal­tun­gen des Auf­trag­ge­bers an das IBM wer­den durch die Trans­pa­renz der Leis­tun­gen in den 5 Stu­fen ein­ge­grenzt und an der Schnitt­stel­le zum Bau­fer­tig­stel­lungs­ma­nage­ment kom­mu­ni­ka­tiv ver­bind­lich dar­ge­stellt.
  • Unkla­re oder unter­schied­lich inter­pre­tier­te Begriffs­de­fi­ni­tio­nen (z. B. „bau­lich fer­tig“) wer­den durch tech­nisch ein­deu­tig mess­ba­re Kri­te­ri­en je Gewerk ersetzt.

Auf die­se Wei­se ent­steht ein Inbe­trieb­nah­me­ma­nage­ment, das durch typi­sche Stö­run­gen im Pro­jekt­ver­lauf nicht in die Kon­zept­lo­sig­keit gebracht wird, son­dern durch akti­ves Agie­ren und Beherrsch­bar­keit einen wesent­li­chen Bei­trag zur Sta­bi­li­sie­rung von Termin‑, Kos­ten- und Qua­li­täts­zie­len leis­tet.

Die­ser Lösungs­an­satz hat sich in der Pra­xis bewährt und macht das Inbe­trieb­nah­me­ma­nage­ment nach der VDI 6039 von der Pla­nung bis zur Nut­zungs­auf­nah­me

  • mit einer stu­fen­ba­sier­ten Struk­tur,
  • defi­nier­ten, gewer­ke­spe­zi­fi­schen Mei­len­stei­nen und
  • einer adap­ti­ven Bereichs­struk­tur

in jeder Pha­se eines kom­ple­xen Pro­jekts wirk­sam. Prüf­bar.

Steu­er­bar. Repro­du­zier­bar.

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